„Angst vor dem Treffpunkt der Nacht?“
Es ist ein ruhiger Sonntagnachmittag am Hubertusring. Vögel zwitschern, ein paar Kinder spielen auf dem bestehenden, in die Jahre gekommenen Spielplatz. Doch nur wenige Meter weiter zeigt ein Gartenzaun eine andere Realität: „Hier lag schon alles“, sagt eine Anwohnerin und deutet auf den Rasen hinter ihrem Haus. „Scherben, Erbrochenes, sogar Kondome.“
Was heute schon gelegentlich passiert, könnte nach Ansicht vieler Anwohner bald zum Dauerzustand werden. Denn genau hier soll ein Mehrgenerationenplatz entstehen – ein Ort für Begegnung, Bewegung und gemeinsames Miteinander. So zumindest die Idee von Politik und Verwaltung.
Doch in der Nachbarschaft wächst die Sorge.
Zwischen Hoffnung und Angst
Der Rat der Gemeinde hat dem Projekt bereits zugestimmt, auch die Förderzusage aus dem ZILE-Programm ist eingetroffen. Die Vorplanungen stehen. Die Bürgerbeteiligung fand gerade statt. Anwohner*innen wie auch Ratspolitiker*innen kritisieren die späte Einbeziehung der Anwohner – doch schon jetzt ist klar: Die Diskussion dürfte emotional werden.
„Wir haben nichts gegen einen schönen Platz“, sagt ein Anwohner, der seit Jahren am Hubertusring lebt. „Aber wir haben Angst, dass das hier ein Treffpunkt für nächtliche Partys wird.“
Diese Angst kommt nicht von ungefähr. Schon jetzt berichten mehrere Anwohner von nächtlichen Treffen einzelner Partyrückkehrer, die den Hubertusring auf ihrem Weg nach Hause durchqueren.
Ein Blick in die Dodesheide
Um uns selbst ein Bild zu machen, haben wir als Ortsverband von Bündnis 90 / Die Grünen kürzlich eine kleine Radtour organisiert. Acht Teilnehmer*innen fuhren vom geplanten Standort am Hubertusring bis zum seit gut zehn Jahren bestehenden Mehrgenerationenplatz in der Dodesheide.
Dort zeigt sich ein anderes Bild: Menschen unterschiedlichen Alters nutzen die Anlage, Kinder spielen, ältere Menschen spielen Boule, Familien picknicken, Jugendliche bewegen sich an Sportgeräten. Der Platz wirkt gepflegt, ist jedoch auch deutlich weiträumiger und zwischen dem Platz und der Wohnbebauung liegt noch eine vielbefahrene Straße.
Ein Teilnehmer der Tour fasst es so zusammen: „Es kommt offenbar stark darauf an, wie so ein Platz gestaltet ist – und wie er genutzt wird.“
Der entscheidende Punkt: die Gestaltung.
Genau hier liegt der Kern der Debatte.
Ein Mehrgenerationenplatz kann vieles sein:
Ein lebendiger Ort für alle – oder ein Anziehungspunkt für nächtliche Gruppen.
Experten und Erfahrungen aus anderen Kommunen zeigen:
- Offene, gut einsehbare Flächen verringern problematische Nutzung
- Klare Nutzungsangebote (Sport, Bewegung, Begegnung) lenken das Verhalten
- Versteckte Ecken und unklare Bereiche erhöhen das Risiko für Müll und Lärm
Was muss passieren, damit es funktioniert?
Viele der geäußerten Sorgen lassen sich nicht einfach wegdiskutieren. Aber sie lassen sich beeinflussen:
- durch eine durchdachte Planung ohne „Rückzugsräume“ für nächtliche Treffen
- durch regelmäßige Pflege und Reinigung
- durch klare Regeln und sichtbare Zuständigkeiten
- und vor allem: durch eine frühzeitige Einbindung der Nachbarschaft
Denn eines zeigt sich schon jetzt: Wird der Platz von den Menschen vor Ort mitgetragen, steigt die Chance, dass er auch respektvoll genutzt wird.
Lechtingen hat einen Mehrgenerationenplatz verdient
Bei aller Kritik gerät eine Frage fast in den Hintergrund: Braucht Lechtingen nicht genau so einen Ort?
Der bestehende Spielplatz ist sichtbar in die Jahre gekommen. Ein moderner Mehrgenerationenplatz könnte neue Aufenthaltsqualität schaffen – nicht nur für Kinder, sondern auch für Jugendliche, Familien und ältere Menschen.
Gerade in einem Ortsteil ohne viele öffentliche Treffpunkte könnte ein solcher Platz das soziale Miteinander stärken.
Doch genau darin liegt auch die Herausforderung: Ein Ort, der für alle gedacht ist, bringt unterschiedliche Bedürfnisse zusammen – und damit auch Konfliktpotenzial.
Die entscheidende Frage ist daher nicht nur, ob Lechtingen einen Mehrgenerationenplatz verdient – sondern ob es gelingt, ihn so zu gestalten, dass er von allen akzeptiert wird.
Entscheidung mit Folgen
Am Ende geht es um mehr als nur ein Bauprojekt. Es geht um Lebensqualität – für diejenigen, die den Platz nutzen wollen, genauso wie für diejenigen, die direkt daneben wohnen.
Oder, wie es eine Anwohnerin am Gartenzaun formuliert:
„Wir wollen hier einfach ruhig leben können. Die Frage ist: Wird das mit dem neuen Platz noch möglich sein?“
Die Antwort darauf hängt davon ab, wie gut es gelingt, die unterschiedlichen Interessen zusammenzubringen.